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Dämmschichttrocknung: Verfahren, Ablauf und wann sie wirklich nötig ist
Eine Dämmschichttrocknung ist ein Verfahren, bei dem trockene Luft über Bohrungen im Estrich gezielt durch die darunterliegende Dämmschicht geführt wird, um Wasser aus einem Hohlraum zu entfernen, den man sonst nur durch Aufstemmen erreichen würde.
Was ist eine Dämmschichttrocknung?
Ein schwimmender Estrich liegt auf einer Dämmschicht aus Mineralwolle, Polystyrol oder Schüttung. Dringt Wasser ein, sammelt es sich genau in dieser Schicht und in den Randfugen. Von oben ist dieser Bereich weder erreichbar noch trocknungsfähig.
Das Verfahren nutzt den Hohlraumcharakter der Dämmschicht: Über Kernbohrungen wird Luft eingebracht oder abgesaugt und über die Fläche verteilt. Die Feuchte wird als Wasserdampf ausgetragen und in einem Entfeuchter niedergeschlagen.
Das WTA-Merkblatt 6-16 behandelt dieses Vorgehen als Teil der technischen Trocknung durchfeuchteter Bauteile und regelt insbesondere die Bemessung der Bohrungen nach Trocknungsfläche und Dämmstoffart sowie die Erfolgskontrolle.
Wann ist eine Dämmschichttrocknung nötig?
Nötig ist eine Dämmschichttrocknung immer dann, wenn Wasser nachweislich unter den Estrich in die Dämmschicht gelaufen ist, weil diese Feuchte durch Raumlufttrocknung nicht erreicht wird.
Der Nachweis erfolgt über die Feuchteverteilung: eine Messung im Hohlraum durch eine Prüfbohrung, ergänzt um die Kartierung der Fläche. Erst dieser Befund rechtfertigt den Eingriff, nicht der bloße Verdacht.
Typische Auslöser sind Rohrbrüche unter dem Estrich, Leckagen an Heizkreisen und großflächig eingedrungenes Wasser aus darüberliegenden Wohnungen. Auch abgelaufenes Löschwasser landet regelmäßig in der Dämmschicht.
Wird auf die Trocknung verzichtet, bleibt das Wasser über Monate im Aufbau. Der Schimmelleitfaden des Umweltbundesamtes beschreibt anhaltende Feuchte in Bauteilen als zentrale Voraussetzung für Schimmelwachstum — im geschlossenen Bodenaufbau bleibt dieses Wachstum lange unbemerkt.
Wie unterscheiden sich Überdruck- und Unterdruckverfahren?
Beim Überdruckverfahren wird trockene Luft in die Dämmschicht gedrückt und tritt über Randfugen und weitere Öffnungen aus, beim Unterdruckverfahren wird die feuchte Luft aus der Dämmschicht abgesaugt und über einen Filter abgeführt.
Der praktische Unterschied liegt in der Luftführung und damit im Hygienerisiko. Das Überdruckverfahren presst Luft und alles, was in der Dämmschicht liegt, in den Raum; das Unterdruckverfahren zieht Raumluft durch die Dämmschicht in das Gerät.
Deshalb ist bei Verdacht auf mikrobielle Belastung, auf Faserfreisetzung oder auf Schadstoffe im Aufbau das Unterdruckverfahren die konservative Wahl. Das WTA-Merkblatt 6-16 widmet dem Umgang mit PAK, Asbest, Mineralölkohlenwasserstoffen und mikrobiellen Belastungen einen eigenen Abschnitt.
| Merkmal | Überdruckverfahren | Unterdruckverfahren |
|---|---|---|
| Luftführung | Trockene Luft wird in die Dämmschicht gedrückt | Feuchte Luft wird aus der Dämmschicht gesaugt |
| Austritt | Über Randfugen und weitere Bohrungen in den Raum | Über Gerät und Filter, definiert abgeführt |
| Bohrungsbedarf | Vergleichsweise wenige Einblasstellen | Mehr Absaugstellen für einen gleichmäßigen Sog |
| Hygienerisiko | Höher, da Raumluft mit Partikeln belastet werden kann | Geringer, Filterstufe möglich |
| Eignung | Unbelastete Aufbauten, unbewohnte Räume | Bewohnte Räume, Verdacht auf Belastung |
| Kontrolle | Luftaustritt an der Randfuge prüfbar | Volumenstrom und Feuchte am Gerät ablesbar |
Wo wird gebohrt und wie viele Bohrungen sind nötig?
Gebohrt wird in Kernbohrungen durch den Estrich bis in die Dämmschicht, wobei Anzahl und Abstand nach Trocknungsfläche, Dämmstoffart und Verfahren bemessen werden und nicht nach einer festen Zahl je Raum.
Die Bohrungen liegen typischerweise in Randnähe und entlang der vermuteten Wasserverteilung. Sie werden so gesetzt, dass die Luft die gesamte nasse Fläche durchströmt und keine toten Zonen bleiben. Vor jeder Bohrung wird der Leitungsverlauf geortet, um Heizkreise und Elektroleerrohre nicht zu treffen.
Häufig lassen sich Randfugen zusätzlich nutzen, indem Sockelleisten abgenommen und die Fuge geöffnet wird. Das reduziert die Zahl der Bohrungen spürbar.
Die Bohrlöcher werden nach Abschluss fachgerecht verschlossen. Bei fliesengedeckten Böden wird, wo möglich, durch Fugen oder unter Sockelleisten gebohrt, damit sichtbare Flächen unversehrt bleiben.
Wie lange dauert eine Dämmschichttrocknung und wie wird der Erfolg belegt?
Eine Dämmschichttrocknung dauert in der Praxis meist zwischen 2 Wochen und 4 Wochen und ist erst dann beendet, wenn eine Erfolgskontrolle im Hohlraum den vereinbarten Trocknungszielwert bestätigt.
Die Dauer hängt von Dämmstoffart, Wassermenge, Fläche und Raumklima ab. Belastbar wird die Prognose erst nach den ersten Kontrollmessungen, wenn der Feuchteverlauf über die Zeit sichtbar ist. Unterhalb von etwa 10 °C Raumtemperatur fehlt das Dampfdruckgefälle, und die Trocknung kommt praktisch zum Erliegen.
Das WTA-Merkblatt 6-16 sieht für Dämmschichttrocknungen eine eigene Erfolgskontrolle und die Dokumentation des Trocknungserfolges vor. Üblich ist die hygrometrische Messung der Luftfeuchte im Hohlraum, ergänzt um Messungen am Estrich selbst.
Als Zielwerte der hygrometrischen Kontrolle am Estrich werden 80 % relative Feuchte bei unbeheizten und 75 % bei beheizten Konstruktionen genannt. Erst nach dieser Kontrolle darf wieder aufgebaut werden — wird der Belag zu früh geschlossen, wandert Restfeuchte nach oben und der Schaden kommt zurück.
Welche Belastungen bringt das Verfahren mit sich?
Die Dämmschichttrocknung bringt Dauerlärm, Wärmeeintrag, laufende Stromkosten und je nach Aufbau ein Schadstoff- oder Faserrisiko mit sich, das vorab zu prüfen ist.
Seitenkanalverdichter laufen 24 Stunden am Tag und sind deutlich hörbar; Schalldämpfer reduzieren den Lärm, beseitigen ihn aber nicht. Die Geräte geben zudem Wärme in den Raum ab, sodass die Raumtemperatur während der Trocknung merklich steigt.
Der Strom für die Geräte wird über den Hausanschluss bezogen und ist im Schadenfall regelmäßig erstattungsfähig. Zählerstände vor Beginn und nach Ende der Trocknung sollten deshalb dokumentiert werden.
- Dauerbetrieb der Geräte, auch nachts und am Wochenende
- Geräuschpegel durch Verdichter und Entfeuchter
- Wärmeeintrag in die betroffenen Räume
- Stromverbrauch, Zählerstände dokumentieren
- Prüfung auf Asbest, PAK und mikrobielle Belastung vor Beginn
- Bohrlöcher und geöffnete Randfugen müssen nach Abschluss verschlossen werden
Häufige Fragen
- Kann eine Dämmschichttrocknung ohne Bohrungen erfolgen?
- In Einzelfällen genügen geöffnete Randfugen als Zugang zum Hohlraum. Ganz ohne Zugang zur Dämmschicht ist eine gezielte Durchströmung jedoch nicht möglich.
- Wird der Bodenbelag durch die Bohrungen zerstört?
- Nicht zwingend. Wo möglich wird durch Fugen, unter Sockelleisten oder in verdeckten Bereichen gebohrt; bei Fliesen lassen sich Bohrungen häufig unauffällig setzen und wieder verschließen.
- Reicht ein Bautrockner im Raum nicht aus?
- Nein, wenn die Dämmschicht nass ist. Ein Raumluftentfeuchter trocknet nur Oberflächen und die Raumluft, nicht den abgeschlossenen Hohlraum unter dem Estrich.
- Wer entscheidet, ob die Trocknung beendet ist?
- Die Entscheidung fällt anhand der Erfolgskontrolle, nicht nach Kalender. Maßgeblich sind die gemessenen Werte im Hohlraum und am Estrich gegen den vorher vereinbarten Zielwert.
Quellen
- [1]WTA-Merkblatt 6-16: Technische Trocknung durchfeuchteter Bauteile — Planung, Ausführung und KontrolleWissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA)
- [2]Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in GebäudenUmweltbundesamt (UBA)
- [3]DIN 18560-1: Estriche im Bauwesen — Allgemeine Anforderungen, Prüfung und AusführungDIN Media, Deutsches Institut für Normung